Festakt zum 60. Jubiläum
Im Jahr 2026 blickt das Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität zu Köln auf sein 60-jähriges Bestehen zurück. Dieses Jubiläum nahmen wir zum Anlass , die Geschichte und Entwicklung des Instituts zu würdigen und zugleich einen Ausblick auf zukünftige Perspektiven der Judaistik in Forschung und Lehre zu geben.
Am Montag, den 8. Juni 2026 fand ein feierlicher Festakt in der Aula der Universität zu Köln statt. Die Veranstaltung umfasste Grußworte aus Universität und Fakultät sowie ein Beitrag zur Geschichte des Instituts. Den Festvortrag hielt Prof. Dr. Michael Brenner (American University und LMU München) mit dem Titel:
„Ich ohne sie statt Ich und Du: Paula Buber, Edith Rosenzweig und die vergessenen Frauen in der jüdischen Kulturgeschichte der Weimarer Republik“.
Verfasst von Dr. Carlo Gentile
Zur Geschichte des Instituts
Kölner Voraussetzungen
Das Martin-Buber-Institut für Judaistik wurde 1966 an der Universität zu Köln gegründet. Es war nach dem Institut für Judaistik an der Freien Universität Berlin die zweite universitäre judaistische Einrichtung in der Bundesrepublik Deutschland. Das Fach wurde an der Philosophischen Fakultät angesiedelt und als historisch-philologische Disziplin mit einer starken Sprach- und Quellenorientierung konzipiert.
Die Gründung des Instituts stand in einem besonderen Kölner Zusammenhang. Seit den späten 1950er Jahren gab es in der Stadt mehrere Initiativen, die sich mit jüdischer Geschichte und christlich-jüdischer Verständigung befassten. 1958 wurde die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gegründet. Im Januar 1959 entstand die Germania Judaica als Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums.
Nur wenige Monate später, in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1959, wurde die kurz zuvor wiedereröffnete Synagoge in der Roonstraße mit Hakenkreuzen und antisemitischen Parolen geschändet. Die sogenannte Kölner Schmierereiaffäre machte bundesweit sichtbar, wie brüchig der Neubeginn nach dem Nationalsozialismus war. Vor diesem Hintergrund erhielt die Gründung eines universitären Instituts für Judaistik eine besondere Bedeutung.
Fachgeschichtlicher Hintergrund
Die Kölner Gründung war Teil eines größeren Neuanfangs der Judaistik in Deutschland nach 1945. Dabei konnte das Fach an die ältere „Wissenschaft des Judentums“ anknüpfen, die seit dem 19. Jahrhundert bedeutende philologische, historische und literaturwissenschaftliche Arbeiten hervorgebracht hatte. Diese Tradition war vor allem von jüdischen Gelehrten getragen worden. Ihre wichtigsten Orte lagen jedoch meist außerhalb der deutschen Universitäten, etwa in Rabbinerseminaren, jüdischen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen.
Die Zeit des Nationalsozialismus bedeutete einen tiefen Bruch. Jüdische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wurden verfolgt, vertrieben oder ermordet; jüdische Einrichtungen wurden zerstört. Zugleich wurde die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Judentum im NS-Staat vielfach antisemitisch missbraucht. Sie diente nicht dem Verständnis jüdischer Geschichte und Kultur, sondern der Ausgrenzung und Verfolgung.
Der Aufbau der Judaistik in den 1960er Jahren war deshalb weder eine einfache Fortsetzung dieser älteren Tradition noch ein voraussetzungsloser Neubeginn. Ihre philologischen und historischen Arbeitsweisen blieben wichtig, mussten jedoch unter grundlegend veränderten institutionellen und politischen Bedingungen neu verankert werden. In Köln bedeutete dies insbesondere, Judaistik nicht als Teil der christlichen Theologie, sondern als eigenständiges wissenschaftliches Fach zu etablieren.
Die Gründung 1966: Programm und Fachverständnis
Der Gründungsdirektor Johann Maier (1933–2019) legte das Selbstverständnis der Kölner Judaistik in seinem Aufsatz „Judaistik. Ein neues Studienfach an der philosophischen Fakultät“ dar. Der Text zeigt, mit welchem Anspruch das Institut gegründet wurde. Maier erklärte, warum Judaistik als eigenes Fach notwendig war, wie sie sich von benachbarten Disziplinen unterschied und welche Voraussetzungen sie brauchte: qualifizierte Lehre, Sprachkenntnisse, unmittelbare Quellenarbeit und eine leistungsfähige Fachbibliothek.
Maier ging davon aus, dass das Judentum an deutschen Universitäten lange nicht angemessen wahrgenommen worden war. Häufig erschien es nur am Rand anderer Fächer oder wurde vorwiegend aus christlicher Perspektive betrachtet. Besonders kritisch sah er die Vorstellung, das Judentum sei lediglich als Vorgeschichte des Christentums oder als „überholte“ Religion zu verstehen. Solchen Verzerrungen sollte die Judaistik nicht durch bloßes Wohlwollen, sondern durch genaue wissenschaftliche Arbeit begegnen.
Das Fach sollte deshalb weder christliche Hebraistik noch Missionswissenschaft oder religiöse Selbstdarstellung sein. Seine Grundlage bildeten die Kenntnis hebräischer und anderer jüdischer Sprachen sowie die direkte Arbeit mit den überlieferten Texten und Quellen. Von dieser Grundlage aus sollten jüdische Geschichte, Religion und Literatur eigenständig untersucht werden.
Fachliche Architektur und frühes Profil
Das frühe Fachverständnis der Kölner Judaistik war breit angelegt. Der programmatische Text zur Gründung unterschied drei Bereiche: eine philologisch-literaturgeschichtliche, eine religions- und geistesgeschichtliche sowie eine historisch-soziologische Ausrichtung. Die hebräische Literatur bildete dabei eine wichtige Verbindungslinie, die von der Bibel über rabbinische und mittelalterliche Texte bis zur modernen Literatur reichte.
Das Profil des Instituts war damit von Beginn an durch die Verbindung philologischer Genauigkeit mit historischen und kulturgeschichtlichen Fragestellungen bestimmt. Dieses Programm entsprach der Wissenschaftslandschaft der 1960er Jahre, setzte aber zugleich einen deutlichen Akzent: Die Beschäftigung mit dem Judentum sollte nicht länger nur innerhalb der Theologie oder als Teilgebiet benachbarter Fächer stattfinden, sondern institutionell und methodisch eigenständig werden.
Bibliothek und Aufbau des Faches
Für die frühe Kölner Judaistik war die Bibliothek von zentraler Bedeutung. Ein Fach, das auf der Arbeit mit originalsprachlichen Quellen beruht, benötigt nicht nur Lehrveranstaltungen und Professuren, sondern auch Quelleneditionen, Wörterbücher, Grammatiken, Nachschlagewerke und Spezialliteratur. Gerade nach den Verlusten und Zerstörungen der NS-Zeit war der Aufbau solcher Bestände schwierig. Die Bibliothek wurde daher zu einem wesentlichen Bestandteil des neuen Instituts.
Besondere Bedeutung hatte der Erwerb großer Teile der Privatbibliothek des Kölner Buchhändlers Kalmann Schlesinger. Schlesinger hatte nach dem Verlust seiner früheren Bibliothek während der NS-Zeit in Jerusalem erneut eine bedeutende judaistische Sammlung aufgebaut. Zwischen 1972 und 1975 konnten Teile dieses Bestands mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und privater Spenden für das Martin-Buber-Institut erworben werden.
Zu diesem Bestand gehörten etwa 100 Drucke aus der Zeit vor 1800, darunter hebräische Frühdrucke des 16. Jahrhunderts aus wichtigen oberitalienischen Druckzentren wie Venedig, Padua und Mantua. Besonders hervorzuheben sind außerdem Erstausgaben von Werken Rabbi Löws von Prag, des Maharal. Damit wurde die Bibliothek nicht nur zu einem Arbeitsinstrument für Forschung und Lehre. Sie erhielt zugleich einen historischen Kernbestand, der jüdische Gelehrsamkeit, deutsch-jüdische Sammlungsgeschichte und den Neuaufbau der Judaistik nach 1945 miteinander verbindet.
Fachliche Verdichtung in den 1970er Jahren
In den 1970er Jahren gewann das Martin-Buber-Institut eine fachliche Spannweite, die für ein kleines Institut ungewöhnlich war. Johann Maier vertrat Antike, Qumran, Mittelalter und übergreifende Fragen jüdischer Geschichte. Hermann Greive (1935–1984) stand für die neuzeitliche jüdische Geschichte. Peter Schäfer, der 1974 nach Köln kam, brachte den Bereich des klassischen rabbinischen Judentums ein, insbesondere Talmud, Midrasch und frühe jüdische Mystik.
Das in der Gründungsphase formulierte Programm erhielt damit konkrete institutionelle Gestalt. Unterschiedliche Epochen, Texttraditionen und methodische Zugänge konnten innerhalb eines vergleichsweise kleinen Instituts miteinander verbunden werden.
Rückblickend erscheinen diese Jahre als eine besonders produktive Phase. Das lag an der Verbindung mehrerer tragender Schwerpunkte, einer wachsenden Studierendenschaft, einer wichtigen Fachbibliothek und eines intensiven Arbeitszusammenhangs. In dieser Zeit gehörte Köln zu den prägenden Orten der noch jungen universitären Judaistik in der Bundesrepublik.
Das Attentat vom 24. Januar 1984
Am 24. Januar 1984 wurde das Martin-Buber-Institut Schauplatz einer Gewalttat. Hermann Greive wurde während einer Lehrveranstaltung angeschossen und starb am folgenden Tag an den Folgen seiner Verletzungen. Johann Maier wurde verletzt; auf Hans-Georg von Mutius, den späteren Professor in München, wurde ebenfalls geschossen. Die Täterin war eine ehemalige Studentin, deren Wahrnehmung der Judaistik offenbar wahnhaft verzerrt war.
Für die Geschichte des Instituts war dieser Tag eine tiefe Zäsur. Die Tat traf nicht nur einzelne Personen, sondern einen Ort, an dem die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Judentum nach der Shoah neu aufgebaut worden war. Sie wurde später auch als Ausdruck jener besonderen Spannung gedeutet, die die Judaistik in Deutschland nach 1945 begleitete: als Fach, das sich von Theologie und Orientalistik löste, wissenschaftliche Eigenständigkeit beanspruchte und zugleich in einem erinnerungspolitisch hoch belasteten Feld arbeitete.
Eine solche Deutung erklärt die Tat nicht als unmittelbare Folge fachlicher oder gesellschaftlicher Konflikte. Sie macht aber sichtbar, dass die Judaistik in Deutschland nach der Shoah kein gewöhnliches akademisches Fach war. Mit Hermann Greive verlor das Institut zudem den Gelehrten, der in Köln die neuzeitliche jüdische Geschichte in besonderer Weise vertreten hatte.
Fachliche Entwicklung nach 1984
Nach dem Tod Hermann Greives wurde die neuzeitliche jüdische Geschichte am Martin-Buber-Institut zunächst nicht in gleicher Weise weitergeführt. Die weitere Entwicklung bedeutete jedoch keine einfache Neubesetzung seines Arbeitsbereichs. Mit Angelo Vivian (1942–1991), der seit 1986 am Institut tätig war, trat vielmehr ein Gelehrter hinzu, dessen Schwerpunkte im antiken und spätantiken Judentum sowie in der frühjüdischen Literatur lagen. Seine Tätigkeit knüpfte daher eher an die ältere, textbezogene Ausrichtung des Instituts als an Greives neuzeitlichen Schwerpunkt an.
Nach Vivians frühem Tod wurde diese Linie durch Theodore Kwasman fortgeführt. Kwasman arbeitete vor allem zur rabbinischen Literatur, zum Talmud und zum talmudischen Aramäisch. Damit blieb die Kölner Judaistik weiterhin stark philologisch und textwissenschaftlich geprägt, während die neuzeitliche jüdische Geschichte weniger deutlich hervortrat.
Nach Maiers Emeritierung veränderte sich das Institut erneut. Gerrit Bos, der von 1997 bis 2013 den Lehrstuhl am Martin-Buber-Institut innehatte, setzte einen Schwerpunkt auf mittelalterliche jüdisch-islamische Wissenskulturen, insbesondere auf Medizin, mittelalterliches Hebräisch und Judeo-Arabisch. In seinen Arbeiten verband er Judaistik, Arabistik, Wissenschafts- und Medizingeschichte. Besonders seine Beschäftigung mit Maimonides und der jüdisch-arabischen Überlieferung zeigte, dass jüdische Gelehrsamkeit des Mittelalters nicht isoliert, sondern im Austausch mit arabisch-islamischen und lateinischen Wissenswelten zu verstehen ist. Zusammen mit Kwasmans Arbeit blieb das Institut damit über längere Zeit deutlich durch Vormoderne und Philologie geprägt.
Kleine Fächer und institutionelle Kontinuität
Die Geschichte des Martin-Buber-Instituts zeigt auch, unter welchen Bedingungen kleine Fächer an deutschen Universitäten arbeiten. Ihre Entwicklung hängt in besonderem Maße von einzelnen Professuren, Mitarbeiterstellen, Berufungsverfahren, Räumen, Bibliotheken und universitären Prioritäten ab. Personelle Veränderungen wirken sich deshalb unmittelbar auf Forschung, Lehre, Sprachausbildung, Studienberatung und die alltägliche Arbeit aus.
Auch die spätere lange Vakanz gehört in diesen Zusammenhang. Sie machte sichtbar, dass die Kontinuität eines kleinen Faches nicht allein durch seine wissenschaftliche Bedeutung gesichert ist. Entscheidend sind auch Ressourcen, Fakultätsstrukturen und die Bereitschaft einer Universität, spezialisierte Fächer dauerhaft zu tragen. Für die Kölner Judaistik bedeutete diese Phase nicht das Ende der Arbeit. Sie verringerte aber ihre Sichtbarkeit und schränkte ihre Möglichkeiten zur fachlichen Weiterentwicklung ein.
Eine besondere Rolle spielte dabei die Bibliothek. Sie bewahrte über personelle Wechsel hinweg einen wichtigen Teil der institutionellen Kontinuität. Ihre Bestände, ihre Systematik und ihre Kataloge dokumentieren frühere Schwerpunktsetzungen und machen sichtbar, wie Judaistik in Köln über Jahrzehnte verstanden und praktiziert wurde. Gerade in kleinen Fächern sind Bibliotheken daher nicht nur Arbeitsmittel, sondern auch Träger der Fachgeschichte.
Judaistik, Jüdische Studien und neue fachliche Konstellationen
Die Entwicklung des Instituts lässt sich auch vor dem Hintergrund der späteren Debatte um „Judaistik“ und „Jüdische Studien“ betrachten. Dabei ging es um das Verhältnis zwischen sprach- und quellenorientierter Forschung und neueren kultur-, sozial- und geschichtswissenschaftlichen Ansätzen. Für Köln war diese Verbindung grundsätzlich bereits im frühen Fachverständnis angelegt. Im Verlauf der Institutsgeschichte veränderte sich jedoch die Gewichtung der einzelnen Bereiche.
Über lange Zeit standen Vormoderne, rabbinische Literatur und philologische Forschung im Vordergrund. Die neuzeitliche jüdische Geschichte, die Geschichte der Shoah und Themen des modernen Israel waren vor allem in bestimmten Phasen oder im Lehrangebot stärker präsent.
Mit Matthias Lehmann und Agata Paluch hat sich am Martin-Buber-Institut eine neue fachliche Konstellation herausgebildet. Lehmann vertritt insbesondere neuere jüdische Geschichte, transnationale Kultur- und Sozialgeschichte, sephardische Geschichte und jüdische Philanthropie. Paluchs Arbeit gilt vor allem vormodernen jüdischen Studien, Kabbala, jüdischen Wissenskulturen sowie der Buch- und Manuskriptgeschichte. Damit werden ältere Linien des Instituts fortgeführt, zugleich aber neu gewichtet und durch transnationale und kulturgeschichtliche Perspektiven erweitert.
Die Geschichte des Martin-Buber-Instituts lässt sich daher nicht als einfacher Gegensatz zwischen „alter Judaistik“ und „neuen Jüdischen Studien“ beschreiben. Sie zeigt vielmehr unterschiedliche Schwerpunktsetzungen innerhalb eines Faches, dessen Methoden und Gegenstände sich fortlaufend verändern.
Köln, 31. Juli 2026