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Nachruf anlässlich des Todes von Herrn Prof. Johann Maier

Das Martin-Buber-Institut für Judaistik und die Universität zu Köln trauern um Ihren Kollegen, Herrn em. Univ.-Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Johann Maier (17.5.1933-16.3.2019).

Mit Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Johann Maier, Gründer und Vorstand des Martin-Buber-Instituts für Judaistik an der Universität zu Köln (1966 – 1996), verliert die Judaistik einen ihrer renommiertesten und produktivsten Vertreter im deutschsprachigen Raum. In den Worten seines Kollegen, dem Judaisten em. Univ.-Prof. Dr. Günter Stemberger, endet mit dem Tod Professor Maiers »eine ganze Periode deutschsprachiger Judaistik«.

Johann Maier wurde am 17. Mai 1933 in Arriach, einem kleinen Dorf in Kärnten, geboren. Nach der Matura 1951 in Villach begann er mit dem Studium in Wien. Er promovierte in Evangelischer Theologie (1958) und Judaistik (1960) und studierte semitische Sprachen und Geschichtswissenschaften in Wien, u.a. bei Prof. Kurt Schubert, wo er sich 1964 in Judaistik habilitierte. Anlässlich der Errichtung des ersten Judaistik-Instituts in Wien durch Kurt Schubert plante Maier an der philosophischen Fakultät der Universität zu Köln ein ebensolches neues Studienfach, was zur Gründung des Martin-Buber-Instituts für Judaistik führte, dessen erster Lehrstuhlinhaber er 1966 wurde.

Seine Vorstellung von der Judaistik war die einer selbständigen, aus der Theologie herausgelösten Fachdisziplin, ein »lediglich [seinem] Gegenstand und einer sauberen, kritischen Methode verpflichtet[es Fach]«, zu dessen Aufgaben es gehörte, »das durch die christliche Heilgeschichtsspekulation so entstellte Bild vom Judentum zu korrigieren.“ Die moderne Judaistik sollte vielmehr die ehrwürdige Tradition der »Wissenschaft des Judentums« des 19. Jahrhunderts erneuern. »Als spezifisch jüdische Veranstaltung galt [die »Wissenschaft des Judentums«] als Äußerung einer Religion, der im herkömmlichen Schema der Universität kein Platz zukam, für die man (nach erfolgter Emanzipation) daher allenfalls so etwas wie eine jüdisch-theologische Fakultät hätte neu einführen müssen. Durch diese Diskussionsrichtung wurde der Blick davon abgelenkt, dass das Judentum als geschichtliches Gesamtphänomen ja mehr als nur den Aspekt einer Religion aufweist und dass allein dadurch die Einrichtung einer Disziplin analog den klassischen Altertumswissenschaften, der Romanistik, Anglistik etc. gerechtfertigt gewesen wäre. « Diese Sichtweise Professor Maiers prägt bis heute die Studienpläne des Kölner Martin-Buber-Judaistik-Instituts für Judaistik.

Nacheinander wurde Prof. Maier von zwei schweren Schicksalsschlägen heimgesucht: 1973 vom Tod seiner Tochter und 1984, als er Opfer eines tragischen Attentats im Martin-Buber-Institut wurde, bei dem er verletzt und sein Kollege Prof. Dr. Hermann Greive den Tod fand. Er blieb Lehrstuhlinhaber bis zu seiner Emeritierung 1996.

Ein Blick in die umfangreiche Publikationsliste bezeugt Johann Maiers breit gefächerten Forschungsinteressen. Wie kein anderer verstand er, jüdische Geschichte, Literatur und Religion von den biblischen Anfängen bis zur Gegenwart zu verbinden. Auch in seiner Forschung beherrschte er souverän mehrere Teilgebiete. Seine Einführungen in das Judentum und seiner Religion, seine Beiträge zur jüdischen Geschichte, zur Qumran-Forschung und den Handschriften vom Toten Meer, zur rabbinischen Tradition, zur jüdischen Mystik  und zum Verhältnis von Judentum und Christentum waren bahnbrechend und sind heute noch grundlegend für alle Studienanfänger.

Seine umfangreichen wissenschaftlichen Publikationen machten ihn weit über die Grenzen des deutschsprachigen Raumes hinaus bekannt. Seine mehr als 20 Monographien und die zahllosen Aufsätze zur Geschichte, Religionsgeschichte und Literatur des Judentums sind sein größtes Erbe. Sein letztes Werk stellte er 2018 in einem Seminar an der theologischen Fakultät der Universität Salzburg vor. Das Erscheinen seines Buches „Hebräisch-aramäisches Glossar zum jüdischen Recht in der Antike“ erlebte er nicht mehr und dieses wird nun posthum veröffentlicht.

Nach der Emeritierung zog er sich zuerst nach Tirol und dann nach Mittenwald zurück, wo er bis zu seinem Tod lebte. Er schuf sich ein buntes Blumenparadies, das er sehr pflegte und widmete sich auch der Holzschnitzerei, eine Liebe die er von seinem Vater Josef übernahm. Regelmäßig besuchte er jedoch Innsbruck, wo er seine private Bibliothek hatte und mit seinem langjährigen Freund und Kollegen, dem Alttestamentler Josef Oesch, Fachgespräche führen sowie seine Familienangehörigen treffen konnte.

Wir werden seine enorme Fachkompetenz, seine liebenswürdige Hilfsbereitschaft bei kollegialen Anfragen sowie seine sympathische und gesellige Art vermissen und ihn in ehrendem Andenken behalten.

 

PD Dr. Ursula Schattner-Rieser

em. Univ.-Prof. Dr. Gerrit Bos

em. Univ.-Prof. Dr. Theodore Kwasman

Dr. Carlo Gentile

und die MitarbeiterInnen des Martin-Buber-Institutes

 

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Ausgewählte Publikationen:
• Die Qumran-Essener – Die Texte vom Toten Meer, 3 Bände (UTB, 1862, 1863, 1916), München, 1995-1996.
• Jesus von Nazareth in der talmudischen Überlieferung, Darmstadt, 1978.
• Jüdische Auseinandersetzung mit dem Christentum in der Antike, Darmstadt, 1982.
• Friedensordnung und Kriegsrecht im mittelalterlichen Judentum. Dargestellt auf der Basis der Schriften des Maimonides (Beiträge zur Friedensethik 16), Stuttgart, 1993.
• Kriegsrecht und Friedensordnung in jüdischer Tradition (Theologie und  Frieden 14), Stuttgart, 2000.
• Judentum von A bis Z. Glauben, Geschichte, Kultur, Freiburg/Basel/Wien, 2001.
• Jüdische Geschichte in Daten, München, 2005.
• Die Kabbalah. Einführung, Klassische Texte, Erläuterungen, München, 1995.
• Judentum. Studium Religion (UTB 2886), Göttingen, 2007.
• Judentum Reader. Studium Religion (UTB 2112), 2007.
• Kulturgeschichte des frühen Christentums : von 100 bis 500 n. Chr.  [mit Anton Grabner-Haider], Göttingen, 2008.
• Kulturgeschichte des späten Mittelalters: von 1200 bis 1500 n. Chr. [mit Anton Grabner-Haider], Göttingen, 2012.

• Mose ben Maimons Haltung zur nichtjüdischen Umwelt und zu innerjüdischen Problemfällen, in: ThPQ 166 (2018), 297-309.
• Hebräisch-aramäisches Glossar zum jüdischen Recht in der Antike: Mit einer Einführung in das jüdische Recht der Antike und einem Quellenüberblick, De Gruyter (im Druck).

 

Neue Veröffentlichungen

 

Dr. Ursula Schattner-Rieser

 

Dr. Recha Allgaier-Honal

 

Prof. em. Dr. Gerrit Bos

 

 

 

 

 

     

 

 

Vorträge

Aktuelle Vorträge
Vortragsreihe Martin-Buber-Lectures in Köln

Die MBL-Köln dienen dem Wissenstransfer und suchen den Dialog sowie wissenschaftlichen Austausch mit anderen Forschungseinrichtungen und Universitäten auf regionalem, nationalem und internationalem Niveau.

Sie greifen auf eine etablierte Tradition ihres Gründers Johann Maier zurück und sind benannt nach dem österr.-israelischen Religionsphilospohen und Humanisten Martin Buber (1878-1965).

Ziel ist es, Inhalte aus den diversen Bereichen der jüdischen Geschichte, Kultur, Religion und Literatur zu vermitteln.

Die MBL-Köln finden in regelmäßigen Abständen statt und sind allen Interessenten, Studierenden und jenen, die es noch werden wollen, zugänglich.

Dr. phil. Géraldine Roux (Direktorin des Raschi Institus in Troyes)

Köln: Martin-Buber-Institut, 17.1 2019, 15 Uhr, Raum 306


"Maimonides und Meister Eckhart und die allegorische Interpretation der Bibel.“

Géraldine Roux promovierte 2007 an der Universität Strasbourg im Fachbereich Philosophie mit der These "Du prophète au savant: la question de la transmission du savoir dans le "Guide des perplexes" de Maïmonide". Seit 2009 hat Roux die Direktion des "’Institut universitaire européen Rachi" in Troyes inne. Ihr Forschungsinteresse liegt vor allem in der mittelalterlichen, jüdischen Philosophie und ihre christliche Rezeption unter besonderer Berücksichtigung Maimonides'.

 

Vergangene Vortrage im SoSe 2018

PD Dr. Ursula Schattner-Rieser

Jerusalem: Hebrew University, den 29.04.2018 ab 12:00 im Rahmen des 16. International Orion Symposiums

“Echoes from the Exile and the Aramean Past: Wilderness Themes in the Aramaic Qumran Texts, from Aḥiqar to Tobit”

(Broschüre des Programms)

Dr. Carlo Gentile

Hamburg: Akademie der Künste, den 07.05.2018 ab 19:00 im Rahmen der Filmvorführung

"Der vergessene Krieg" von Eduard Erne und Ulrich Waller.

Anschließende Diskussion mit Hauptdarstellerin Adriana Altaras und Dr. Carlo Gentile

(weitere Informationen)